Was ist eigentlich ‚Wissen‘? 

Konkretes Wissen oder wissen aus Nicht-Wissen? Wenn ich weiß, wie etwas funktioniert, also nichts Mechanisches, sondern etwas Lebendiges, also beispielsweise ich selbst, was weiß ich dann überhaupt? Ich weiß explizit nicht einmal, aus was ich so im Einzelnen zusammengesetzt bin. Angeblich sollen das ja 30 Billionen Zellen und 39 Billionen Bakterien sein, aber ich habe sie noch nicht durchgezählt, sie wechseln sich ja auch ständig ganz eigenständig aus und das auch ohne mich zu fragen.

Dabei muss ich doch wissen, wie ich funktioniere, sonst würde ich ja nicht leben, nur dass ich es eben nicht sagen könnte, wie ich das im Detail anstelle. Beschreiben geht, aber wirklich erklären? So kann ich etwa sagen, dass ich beispielsweise Essen erst verdaue, dann den Rest wieder ausscheide und das dabei die Art, wie ich kaue, die exakt dosierte Speichelzufuhr und so weiter und so fort von Bedeutung sind. Doch was ich da im Detail mache, was da passiert und wie ich das anstelle, dass es geschieht, das kann ich leider nicht sagen. Aber ich kann’s, nur eben ohne darüber zu reden.

Da komme ich dann zu der Einschätzung, zu der auch die Physiker gekommen sind: Man kann die Natur beschreiben, aber nicht definieren. Und das ist ein gewaltiger Unterschied. Korrekterweise muss man sagen, dass da schon viel früher Leute drauf gekommen sind, nur die Physiker haben unter Beweis gestellt, dass man nichts unter Beweis stellen kann; sie haben die Abwesenheit von etwas Beweisbarem nachgewiesen. Herrliches Paradoxon. Da kommt mir dann doch Platons Gedanke, dass es entscheidend sei zu wissen, dass man nicht wisse, überhaupt nicht mehr komisch vor. Dabei macht den Unterschied das ‚s‘, denn er sagt ja, dass man wissen müsse, was man nicht weiß und nicht etwa, dass man nichts wisse. Ja, so ein ‚s‘ kann schon einiges ausmachen.

Also werde ich fortan explizites und implizites Wissen unterscheiden, damit ich überhaupt noch über Wissen reden beziehungsweise schreiben kann. Die relevante Schwierigkeit jedoch steckt in der Frage, wie ich implizites Wissen von impliziter Null-Ahnung überhaupt unterscheiden kann, also die Abwesenheit von jeglicher Art von Wissen. Wenn ich implizites Wissen nicht so ohne weiteres von Null-Ahnung unterscheiden kann, ist das ja regelrecht eine Einladung, irgendwelche mystizistischen wie spekulativen Überlegungen anzustellen. Umgekehrt kann es aber auch passieren, dass mit der Begründung, etwas sei nicht beweisbar und damit rein spekulativ, implizites Wissen geleugnet wird.

Wenn ich also etwas schreibe oder erzähle, kann das stimmen oder auch nicht. Allein die Tatsache, dass es logisch klingt, sagt noch nichts über den tatsächlichen Wahrheitsgehalt aus. Der zeigt sich nämlich allein im Tun. Wie heißt es doch in Matthäus 7, 20 ganz richtig „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ Ich drücke das etwas moderner aus, ich spreche immer von verifizieren. Eine Behauptung oder gedankliche Annahme, die ich letztlich nicht lebe, kann man glauben oder auch nicht. Und wenn man etwas glaubt, dann sollte man das auch verifizieren. Mit dem Impliziten und expliziten Wissen gehe ich ja schon eine ganze Weile schwanger, dass es aber so ist, darauf bin ich letztlich durch das Motorradfahren gekommen. Wenn ich richtig gut fahre, fahre ich nämlich ausschließlich mit implizitem Wissen. Was ich da genau tue, fällt mir verdammt schwer explizit zu erklären. ‚Eigentlich‘ geht es überhaupt nicht.

Angefangen hat es mit einer Bemerkung eines Kollegen, der mich mal vor versammelter Mannschaft gefragt hat, wie ich mit Managern umgehe. Konnte ich ihm nicht sagen, bis mich der Herr neben mir rettete und meinte, dass ich es eben tun würde. ‚Er macht’s halt!‘ Das war alles, was er sagte und was es dazu auch zu sagen gibt. Seither fange ich an wirklich zu begreifen, dass es einen gewaltigen Unterschied zwischen implizit und explizit gibt und dass es bei dem, was ich tue, allein auf das Implizite ankommt, das Explizite ist interessant, aber es tut nichts und niemand kann mit Fug und Recht behaupten, dass es stimmen würde. Man kann es nur erleben oder, wesentlich besser, gleich selber machen.

So zu denken sei anstrengend, hat gerade jemand zu mir gesagt. Ist es aber nicht und ich verrate auch nicht, wer das gesagt hat. Es scheint nämlich nur schwierig zu sein. Wie kann ich unzutreffendes explizites Wissen erkennen, also eine mit der Realität nicht übereinstimmende Annahme, die ich ja dann auch nicht implizit ‚anwenden’ kann? Ganz einfach: Es geht einfach nicht. Es funktioniert nicht. Wirkliches Wissen lässt sich ganz leicht feststellen: Man kann es anwenden, also in konkretes Tun umsetzen. Doch wenn man es nicht tun kann, ist es unter Umständen vorschnell daraus zu schließen, dass es grundsätzlich nicht ginge. Die Frage ist dabei immer, ob man wirklich so denkt. Und das ist gar nicht so ohne weiteres in das Hirn zu bekommen, erst müssen die falschen Vernetzungen rausfliegen. Über Nicht-Wissen zu verfügen und zu glauben, etwas zu wissen, ist also nicht das Selbe und auch nicht das Gleiche. Gewaltger Unterschied.

Also weiß ich sicher nur, was ich auch tue. Und der Weg dorthin ist es zu praktizieren.