Was also tun?

Wenn die Welt und vor allem meine Welt ziemlich genau so ist, wie ich denke und was ich demzufolge tue, wenn ich also mein Leben psychisch und auch physisch selbst in der Hand habe und es gestalten kann, was ist dann zu tun? Es geht nämlich gerade nicht darum zu tun, was ich gerne tun würde, sondern es geht darum zu tun, was angemessen ist und nicht, was ich denke, dass es richtig wäre. Absolut kein Konjunktiv.

Die Tatsache, dass ich als Beobachter alleine durch mein Beobachten und Wissen-Wollen vermutlich beziehungsweise sogar sehr wahrscheinlich etwas ganz Spezifisches auslöse, darf mir nicht den Blick darauf verstellen, dass ich und wir noch überhaupt nicht wissen, was da genau geschieht. Daher muss ich erst einmal in meinem Hirn sortieren, was ich sicher wissen kann. Kein Raum für Spekulation, will ich nicht, dass der Schuss nach hinten losgeht, wie man so schön sagt.

Gerade habe ich einen Gedanken gelesen, der sich an Krishnamurtis Gedanken ‚You are the world’ anlehnt: ‚Ihr seid das Universum, das sich für eine Weile als Mensch ausdrückt.‘ Keine Frage, der Gedanke ist richtig! Doch was ist die Konsequenz daraus? Das besagt er nämlich nicht und da schweigt auch des Sängers Höflichkeit! Was also denke ich, wenn ich das lese? Und wie lese ich das, wenn da statt ‚ihr‘ ‚du‘ stünde? Das Dumme ist ja, dass der Satz aus dem Englischen übersetzt ist und ‚you‘ sowohl Mehr- wie Einzahl ausdrückt! Ich fange ja schon bei der Übersetzung mit der Interpretation an, ob ich will oder nicht. Und das ist nicht nur bei Übersetzungen so, sondern bei wirklich allem. Ohne vorherige Interpretation des Wahrgenommen, schließlich ist ‚Wahrnehmung’ keine Tatsachenwahrnehmung, sowie die sich dem anschließende Überlegung, wie ich damit umgehe und was ich beabsichtige, tue ich nämlich nichts, absolut nichts. Nur ist mir das leider nicht immer präsent.

Ich behaupte nämlich, dass viele solche Gedanken wie ‚You are the World’ gerne auf sich persönlich beziehen, ich habe es jedenfalls früher gerne so gehalten. Statt sich zu überlegen, was ein solcher Gedanke in mir an gedanklichen Assoziationen auslöst. Da hatte sich mein Ego immer so pudelwohl gefühlt. Unabhängig von dem egoistischen Wohlfühlfaktor ist es tatsächlich so, dass ich einen solchen Satz sehr wohl auf mich selbst beziehen kann. Schließlich bin ich ja die Community einer Menge Zellen und Bakterien. Und weil ich das auch auf ‚mich‘ bezog, haben wir heute keinen Heuschnupfen und keine Migräne mehr. Aber nicht, weil ich meinen (ich wechsle mal wieder zum Normal-Sprech zurück, wie es in dem Roman ‚1984‘ oder ‚Schöne neue Welt‘ heißt) Heuschnupfen oder meine Migräne mit positivem Denken zu Leibe gerückt wäre, sondern weil ich mein Leben geändert habe. Erstaunlicherweise eher zwangsweise als freiwillig.

Was also war passiert? Ganz einfach: Ich habe meine (Lebens-) Form geändert und damit andere Inhalte generiert. Heute weiß ich, dass das wirklich so ist, wie Marshall McLuhan erkannte, nämlich dass die Form entscheidend ist, nicht der Inhalt. Er war übrigens kein Mediziner, sonder Philosoph und er bezog sich dabei auch nur auf Medien. Doch mittlerweile sind ja auch die Physiker darauf gekommen, dass dies ein universelles Prinzip ist: Die Form definiert den Inhalt. Und keinesfalls umgekehrt. Aber noch einmal zurück zu dem ‚Positiven Denken‘. Das ist sicher nicht der Auslöser gewesen, sondern die Tatsache, dass ich in dieser Zeit mein Leben anders organisiert habe. Das ‚Positive Denken‘ war also nichts anderes als der Placebo Effekt. Der funktioniert ja auch nicht wirklich, sondern die damit einhergehende innere geistig-mentale Überzeugung löst die Veränderung aus, indem es dem Denken eine andere Richtung gibt. Es ist also nicht die Hoffnung, die etwas bewirkt, sondern eine konkrete und realistische (!) Haltung, was jedoch nicht heißt, dass man sich dessen auch bewusst wäre. Also ich war es nicht.

Meine Haltung ist also entscheidend und nicht schon meine Absichten. Damit mag es beginnen, aber entscheidend ist die Grundeinstellung, die letztlich mein Denken und Handeln prägt. Schöne Kalendersprüche helfen nicht wirklich, es sei denn, sie entsprechen meiner Haltung. Darauf bin ich gekommen, als mich einmal ein Freund fragte, warum ich auf meiner Website immer Zitate verwenden würde, statt meine eigenen Überzeugungen zum Ausdruck zu bringen. Das brachte mich dazu genau zu untersuchen, was ich wirklich dachte und nicht nur, was ich gerne hätte und was sich gut anfühlt. Das berühmte Bauchgefühl alleine ohne die Untersuchung und Überprüfung der zugrundeliegenden Gedanken auf ihre Stimmigkeit hin kann einen ja gewaltig an der Nase herumführen.

Es geht also zum einen um die innere und selbstverständlich auch um die äußere Form, die sich ja nicht nur bedingen, sondern Eins sind, die Form also, die mich tun lässt, was ich konkret tue und nicht, was ich gerne tun würde. Darüberhinaus brauche ich die Form, die es mir permanent ermöglicht, mein Denken immer wieder zu verifizieren und zu validieren. Wie sagt doch Niels Bohr? Ich kenne die Lösung nie. Ich kenne immer nur die Spannung zwischen zwei Positionen, die sich gegenüber stehen, und diese Spannung muss ich aushalten. An ihr muss ich mich erfreuen, um mich weiterzuentwickeln. Darum geht es letztlich immer: Mich und damit die Welt weiterzuentwickeln. Das verlangt individuelles, kollektives und kosmisches Denken gleichermaßen.

Doch das kann ich nur im Dialog ergründen! Es fängt ja schon bei dem ‚individuell‘ an. Wie individuell kann ich denn überhaupt sein, wenn ich tatsächlich eine Community aus Zellen und Bakterien bin? Und wenn es dieses ominöse ‚Ich‘ ja nur in meiner Vorstellung aber nicht in Echt gibt, dann kann ich selbst ja gar nicht wissen, was mich betrifft, sondern es braucht den inneren Dialog. Natürlich nicht in Form von Gedanken und nachdenken, sondern in Form von Gewahrsein. Und im Gespräch mit anderen gilt das Selbe, auch hier geht es darum, ohne Wertung und ohne Urteil zu kommunizieren. Es geht also erst einmal weniger um den Dialog, sondern um die Fähigkeit, wirklich gewahr zu sein, nicht zu werten und nicht zu urteilen.