Gewahrsein

Das heißt nur beobachten, was ist, ohne einem Gedanken an- oder nachzuhängen, ohne etwas zu bewerten oder auszuwählen. Ich stelle mir gerade vor, dass ich vor einem reichlich gefüllten Büffet stehe und mit genau dieser Haltung auf das Essen schaue. Dann würde ich garantiert wahrnehmen, ob ich überhaupt Hunger habe oder schon satt bin. Und auch das auszuwählen, was jetzt für mich richtig wäre, das würde auch passieren, jedoch ohne, dass ich dabei eine Wahl treffen würde. Würde ich das tun, würden sich doch wieder nur meine Begierden in den Vordergrund drängen und meine wirklichen Bedürfnisse hätten das Nachsehen.

In wirklichem Gewahrsein, also ohne jegliches Werten und Bewerten, lösen sich Probleme ganz von selbst und ohne Zutun auf. Das ist, was die Chan-Menschen unter „Handeln durch Nicht-Handeln“ verstehen. Wenn ich etwas tue, sollte ich mich also davor hüten, es immer bewusst und willentlich im üblichen Verständnis zu tun. Das Problem liegt in dem „immer“. Aber dazu später mehr. Wichtig ist zu wissen, dass es zwei Arten zu Denken gibt. Das Verstandesdenken schaltet mein ursprüngliches Denken regelrecht aus, ein Denken, das weit über das hinausgeht, was der Verstand zu leisten vermag und was wir normalerweise als Instinkt bezeichnen, was aber tatsächlich etwas ganz anderes ist, was aber ohne den verstand schnell alt aussieht.

Wichtig ist zu verstehen, dass ich diese Art des impliziten Denkens nicht „lernen“ kann, ich kann nur üben, das explizite Denken zu lassen, also das Angemessene zu praktizieren – wenn es angesagt ist. Und das ist gar nicht so einfach, da beharrlich dran zu bleiben. Gerade habe ich Regalbretter ausgepackt, so vor einer Stunde. Und jetzt gerade fällt mir auf, dass die Kartons immer noch im Zimmer herumliegen. Aufgefallen ist mir das, weil ich mit meiner vollen Kaffeetasse vorsichtig darübersteigen musste. Statt dass ich sie gleich aufgeräumt hätte. Ich war so sehr mit explizitem Denken beschäftigt, dass ich das implizite Denken völlig ignoriert habe.

Aber das „mach’s gleich!“ funktionierte eben nicht automatisch, sondern erst, als ich regelrecht darüber flog. Doch mich zu disziplinieren ist garantiert nicht die Lösung, das ließe mich nur besser funktionieren. Genauso falsch. Immerhin habe ich es geschafft, mein Gewicht jetzt seit über einem Jahr zu halten – und das ohne Waage, alleine durch das Gewahrsein meines Körpers, das mir das Anziehen meiner Hose und das Schließen des Gürtels jeden Morgen vermittelt. Ganz automatisch und ganz von selbst regelt das meine Nahrungsmittelaufnahme. Sitz der Gürtel locker, kann es auch etwas Deftigeres zum essen geben. Wenn nicht, dann eben nicht. Und das funktioniert ohne Nachdenken. Nur manchmal packt mich noch der Heißhunger auf Schokolade oder ich komme einfach nicht am Kühlschrank vorbei. Da denkt immer noch etwas in mir in die falsche Richtung. Obwohl, eigentlich stimmt das nicht, dieses „falsche“ Denken will mich auf etwas aufmerksam machen.

Gewahrsein, Achtsamkeit, Aufmerksamkeit – drei Begriffe, die man nicht in einen Topf werfen darf. Bei dem Gewahrsein findet absolut kein Auswählen und keinerlei Bewerten statt. Doch bereits wenn ich meditiere, also Maß nehme, treffe ich eine Wahl, doch die kann ich und sollte ich auch in dem Prozess der Meditation wieder vergessen. Wirkliche Achtsamkeit unterscheidet nicht zwischen mir und dem Achtsam-Sein. Das „Ich“ darf in meinem denken einfach nicht anwesend sein. Auch in der Satipaṭṭhāna-Meditation gibt es kein Mögen oder Nichtmögen, sondern einfach nur Sehen. Das ist eine wirkliche Revolution, denn das lässt mich vollkommen anders sein. Ein Geist, der vollkommen achtsam ist, hat keinerlei Qualitäten, kein Zentrum, eben kein „Ich will“ mehr.

Das ist ein gutes Beispiel dafür, um zu sehen, dass ich nicht immer in diesem Zustand sein kann und dass das auch nicht sinnvoll ist, etwa wenn ich mit jemandem diskutiere. Dem eigentlichen Denken geht das Ordnen von Wahrnehmungen nach bestimmten Regeln und Mustern voraus, das ist die erste Stufe des Denkens oder auch explizites Denken. Dann aber kommt die zweite Stufe, ganz ohne Nachdenken und ohne jegliche bewusste Überlegung, sozusagen das implizite Denken. Implizites Denken, wie ich es nenne, ist eine intellektuelle Wachheit, die weder bewertet noch kombiniert oder abwägt, sondern lediglich Bewegungen zulässt, aufnimmt und beobachtet. Eine rezeptive Fähigkeit des Denkens. Wir nennen es auch Meditation.

Gestern habe ich ein Video von Harald Lesch über das Higgs-Teilchen angesehen, das manche ja gleich zum Gottesteilchen erklärt haben. In diesem Zusammenhang erwähnte er, dass es hier gerade nicht darum ginge, Gott zu suchen, sondern alleine darum, Inventur zu machen in unserer Welt und zu sehen, was überhaupt da ist. So, wie man bei einem Autokauf alle relevanten Informationen sammeln, die Entscheidung dann aber intuitiv treffen sollte, also all das, was man weiß, scheinbar wieder zu vergessen und intuitiv zu entscheiden. Also erst einmal explizit und dann implizit denken.

Ich halte es für einen Humbug zu sagen, man solle auf das bewusste Nachdenken und den Verstand verzichten und nur auf sein Bauchgefühl hören. Mich hat mein Bauchgefühl schon oft so richtig aufs Kreuz gelegt, nämlich dann, wenn ich vorher nicht alle relevante Informationen beisammen hatte. Also alles zu seiner Zeit. Die Kunst ist es wohl, die stimmigen Zeitfenster zu definieren und sich ihrer bewusst zu sein.