Gedanken über Wahrheit und Wirklichkeit

Je länger ich mich mit dem Leben beschäftige, je mehr ich verstehen und begreifen will, desto klarer wird mir, dass ich es beschreiben, aber nicht verstehen kann. Es gibt einfach keine Wahrheit, die ich objektiv definieren könnte. Wahrheit könnte, wenn überhaupt, nur das Ganze selbst formulieren, ich aber kann nur meine Ansicht über Wahrheit formulieren. Manchmal gibt es Situationen, bei denen ich hinterher denke, dass ich der  absoluten Wahrheit sehr nahe war, nur dass mir dann die Worte fehlen.

Wahrheit lässt sich weder organisieren noch kann ich durch philosophisches Wissen oder eine psychologische Methode zu ihr gelangen. Ich kann sie nur im Spiegel meiner Beziehungen entdecken, durch das Wahrnehmen dessen, was in meinem eigenen Geistes, in mir selbst vorgeht, aber eben nur durch Beobachtung und nicht durch intellektuelle Analyse oder ein Zergliedern meines Innenlebens.

Ich bin mir mittlerweile vollkommen bewusst, dass ich mich lange Zeit hinter einem Schutzwall aus Ansichten, Überzeugungen und Meinungen zum einen verschanzt habe, nur dass ich mich dabei selbst eingemauert habe. Das hat mein Denken derart beherrscht, dass ich unfähig wurde zu sehen, was wirklich ist. Ich lebte nicht, sondern ich dachte mir mich und mein Leben regelrecht aus.

Diese Bilder, Annahmen und Gedanken waren die Basis meiner Wahrnehmung, was ich nicht wahrnehmen konnte, lag im Dunkeln, es existierte nicht einmal als Möglichkeit für mich. Erst als ich begann mich ernsthaft auf das einzulassen, was mir begegnete, also ohne meine Meinungen, Ansichten und Überzeugungen wie ein Schutzschild vor mir herzutragen, erst da begann ich die Wirklichkeit überhaupt zu realisieren.

Ich hatte mich immer nach Freiheit gesehnt, bis ich erkannte, dass ich frei war! Frei zu sein bedeutet eben nicht eine Wahl zu haben, Freiheit ist reine Beobachtung ohne Richtung, ohne Angst vor irgend etwas. Freiheit ist ohne jegliches Motiv. Freiheit steht nicht am Ende, sondern am Anfang. Erst als ich lernte, mir meiner selbst gewahr zu sein, erkannte ich, dass ich selbst mir meine Freiheit nahm. Freiheit findet sich nur im unvoreingenommenen Gewahrsein meines täglichen Lebens und Handelns.

Dadurch, dass ich mir meiner eigenen gedanklichen Vorgänge bewusst wurde, konnte ich überhaupt erkennen, dass ich alles trennte, sogar mich und meine Gedanken. Auch meine Beobachtungen schienen so wenig mit mir zu tun zu haben wie meine Erfahrung und Erkenntnisse. Ich selbst hinderte mich daran, der zu sein, der ich bin. Also hörte ich damit auf.

Manchmal drohe ich noch in alte Muster zurückzufallen. Es ist nicht immer einfach, den eigenen Schatten loszuwerden. Aber wenn mein Geist ganz still ist, wenn er sich nicht bewegt, dann gelingt es erstaunlicher Weise. Wie sagt doch Krishnamurti? „Man muss sich selbst ein Licht sein.“ Dann wirft man keinen Schatten mehr.