Achtsamkeit

Kann ich achtsam sein, wenn ich über Achtsamkeit spreche? Jedenfalls nicht, wenn ich überlegt und in diesem Sinne bewusst über Achtsamkeit spreche. Das ist wie beim Motorradfahren, das funktioniert auch nicht, wenn ich überlegt und absichtsvoll fahre. Doch das bedeutet nicht, dass ich das überhaupt sein lassen sollte, nur sollte ich dafür den vollkommenen Ruhemodus einnehmen, mich nicht bewegen und mich auf die theoretische Ebene zurückziehen.

Oft ist Interesse an Achtsamkeit da – und nicht nur daran – doch untersuche ich es verbal und erörtere es, kann ich dann überhaupt noch achtsam sein? Das erinnert mich an eine Aussage von glaublich Erwin Schrödinger, der einmal gesagt hat, dass wir die Welt nicht untersuchen können, ohne etwas ganz Wesentliches dabei auszublenden, nämlich unser eigenes Bewusstsein. Tun wir es trotzdem, was ja wohl notwendig ist, um etwas zu ergründen, dürfen wir aber nicht vergessen, das in Teile zerlegte Ganze vorher wieder zusammenzusetzen, bevor wir damit etwas bewirken wollen. Tue ich das nicht, dann wäre das so, als würde ich versuchen, auf meinem in seine Einzelteile zerlegten Auto durch die Gegend zu fahren.

Ich muss also verhindern, dass ich etwas Wesentliches aus dem Prozess meines Denken, meiner Emotionen und meines Tuns ausklammere – nämlich das Bewusstsein, wobei ich schon Schwierigkeiten dabei habe, „mein“ Bewusstsein zu sagen, den Bewusstsein gibt es nun einmal nicht im Plural. Mir meiner selbst bewusst zu sein heißt gerade, mir nicht im gewöhnlichen Sinn bewusst zu sein, sondern gewahr zu sein, was ist. Wirklich bewusst bin ich dann, wenn ich mit dessen nicht explizit bewusst bin. Sobald da auch nur ein Anflug von „Ich“ drinsteckt, fliege ich regelrecht aus dem Prozess des Gewahrseins. Nur merke ich das dann nicht, weil ich mir in einem solchen Moment meiner selbst nicht gewahr bin, sondern mir explizit bewusst bin. Nicht leicht zu formulieren.

Etwa beim Rasieren (Nassrasierer) bin ich aus Selbstschutz meiner selbst gewahr, sonst ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich über kurz oder lang „Autsch“ sage und ärgerlich dreinschaue. Es gibt Tätigkeiten, die es nicht dulden, meiner selbst nicht gewahr zu sein. Doch leider gibt es sehr, sehr viele mit einem breiten und geradezu magisch anziehenden Schutzstreifen, in dem ich mein Gewahrsein regelrecht ablegen kann.

Warum nehme ich die Dinge nicht so, wie sie sind, sondern beurteile und bewerte und katalogisiere sie schön ordentlich? Und vor allem hört das bei mir selbst ja nicht auf. Denke ich darüber nach, dass ich etwa zu bescheiden bin, habe ich sofort die Frage im Kopf, wie ich auf mich stolz sein könnte. Und wenn ich einen anderen bewerte, dann tue ich das doch nur, um mich ihm überlegen zu fühlen. Das wiederum aber würde ich nicht tun, würde ich mich nicht klein fühlen. Doch wenn ich das ändern möchte, bleibe ich in der Pendelbewegung zwischen „groß“ und „klein“ stecken.

Ganz anders jedoch, wenn ich einfach nur gewahr bin, dass ich mich beispielsweise klein fühle. Dann hört es nämlich auf, und zwar ganz von alleine, ohne irgendeine wie auch immer geartete Anstrengung meinerseits. Ich muss dessen einfach nur gewahr sein, ohne etwas erreichen zu wollen. Schließlich steckt das hinter jedem Bewerten und Beurteilen, dass ich etwas erreichen will, auch ohne, dass mir das bewusst sein müsste. Was ist ich dabei erreichen will ist völlig uninteressant, interessant ist alleine, dass ich damit aufhöre.

Dabei ist doch die Frage, ob ich überhaupt wählen würde, wenn ich vollkommen klar bin, so wie (idealerweise) beim Motorradfahren. Oder auch schon, wen ich frühmorgens auf einem Bein balancierend meine Hosen anziehe. Da wähle ich natürlich nicht, sondern tue, was zu tun ist. Die Frage ist also, warum wähle ich innerlich, wenn es keinen Sinn macht? Es ist ja nicht so, als würde ich mich zwischen Frikadellen oder einem Schnitzel entscheiden, sondern ich wähle vermeintlich zwischen gut sein oder nicht. Und schon habe ich den Beobachter im Nacken sitzen, der genüsslich etwas Ganzes in seine Teile zerlegt. Wo das Denken aber differenziert, also bewertet und Urteil und damit teilt, ist das ausführende Denken von der Handlung abgespalten; das ausführende Denken wird dann zum beobachtenden Denken und ich komme nicht mehr in die Hose, ohne mich schnell hinzusetzen.

Achtsamkeit ist also nichts anderes, als das Ganze ganz zu lassen, sonst darf ich mich nicht wundern, wenn ich das eine sage oder will, aber etwas ganz anderes tue. Will ich also mein Leben von Konflikten, Heuchelei, (Not-) Lügen et cetera befreien, braucht ich nichts anderes zu tun, als ein „ich will“ und jegliches Beurteilen wie Urteilen zu lassen und so Denken und Handeln nicht mehr zu trennen und aufzuspalten. Klingt einfach, ist es zu Beginn jedoch keineswegs, denn es bedeutet den Bruch mit meinen eigenen Gewohnheiten.

Fazit: Wenn ich nachdenke, kann ich nicht gleichzeitig achtsam sein! Dessen muss ich gewahr sein und mir Denk- und Reflexionsräume einrichten, in denen ich gerade nicht achtsam sein muss, weil ich eben nichts tue, sondern etwas reflektiere. Doch etwas zu reflektieren heißt nicht, etwas erreichen zu wollen!